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    Die Gesellschaft des Spektakels: Von den Zuschauern des Lebens

    Von CONTRACOMA | 9.August 2010

    via POLITEIA von  corrrdoba, many THX!

    …oder: Was die moderne Welt im Innersten zusammenhält

    Gute Bücher und Gedanken zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Laufe der Zeit nicht an Bedeutung verlieren, sondern sich im Gegenteil herausstellt, dass sie ihrer Zeit voraus waren. Das ist meiner Meinung nach bei dem  1967 erschienenen Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord der Fall. Beim Lesen diverser Abschnitte fragte ich mich, wie es dieser Mann geschafft hatte, so genau den Kern gesellschaflicher Probleme der heutigen Zeit vorauszusagen. Auch wenn ich sagen muss, dass ich sein Weltbild nicht in vollem Umfang teile und den ersten Teil des Buches, der sich vornehmlich mit dem Klassenkampf beschäftigt nur überflogen habe, so habe ich vor allem im letzten Drittel dieses Buches , in dem Debord seine Ansichten nocheinmal kommentiert, bemerkenswerte und scharfsinnige Analysen über die Mechanismen unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit gefunden, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

    Was ist das „Spektakel“?

    Ich habe mich beim Lesen des Buches öfter gefragt was genau Debord mit dem Begriff meint. Man kann es auf jeden Fall nicht in einem knackigen Satz erklären; Wikipedia schreibt das Spektakel ist „die Organisation, die Gesamtheit und der Zusammenhang aller wirtschaftlichen und der meisten kulturellen oder politischen Prozesse im modernen Industriestaat des späten 20. Jahrhunderts, und das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Personen, das hierbei entstehtIm Spektakel spielt jeder, ob Chef oder Arbeiter, Mann oder Frau, Karrierist oder Rebell, nur seine zugewiesene Rolle. Die Gesellschaft wirkt wie eine seelenlose, perfekt organisierte Maschine, die selbst Opposition nur simuliert, Geschichte und Zeit wirken wie gefroren . Häufig werden hierfür von Debord auch Metaphern des Schlafes benutzt“. Ich würde noch hinzufügen, dass Debord dem Spektakel vor allem die Lüge, das Geheimnis und den Schein zuschreibt und dass das Spektakel eine gedankliche Matrix beschreibt, in der  große Teile der Gesellschaft gefangen sind. Die spektakuläre Gesellschaft verlangt nach Befriedigung  immer wechselnder künstlich erzeugter   Bedürfnisse. Die Gemeinsamkeit der Individuen besteht in der Entfremdung von sich selbst und von einander.

    „Die bis zum Stadium des integrierten Spektakulären modernisierte Gesellschaft zeichnet sich durch die kombinierte Wirkung der folgenden fünf Hauptwesenszüge aus: ständige technologische Erneuerung, Fusion von Staat und Wirtschaft; generalisiertes Geheimnis; Fälschung ohne Replik und immerwährende Gegenwart.“

    Neben diesen fünf Säulen könnte man das „Spektakel“  in etwa als einen irrationalen gesellschaftlichen Konsens beschreiben, der sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht. Es ist der Siegeszug der Täuschung und des Künstlichem gegen die Wahrheit und die Natur, er spricht sogar von einer „Negation des wirklichen Lebens„. In den folgenden Zitaten werden diese Aspekte noch deutlicher und ich wage zu behaupten, dass Debord sofern er heute noch lebte den „Wahrheitssuchern“ recht nahe stehen würde.

    Debord über die Massenmedien und ihr Einfluss auf das Individuum

    Die Massenmedien spielen in Debords Werk eine wichtige Rolle, da sie den Zuschauer „geistig unterwerfen“ und den Menschen eine Schablone für ihr Verhalten und Denken in der realen Welt geben, welche sie untereinander entfremdet und zum irrationalem Denken verleitet. Sie sind  Bühne und Motor des Spektakels zugleich.

    Der Zuschauer

    Für Debord befindet sich der Durchschnittsbürger in der metaphorischen Lage eines passiven Zuschauers. Er erledigt in seinem Beruf gleichmütig das ihm Aufgetragene und hinterfragt es nicht. Er betrachtet in seiner Freizeit staunend die auf- und abtretenden Stars und bewundert sie, verhält sich ansonsten unauffällig, tut, was man von ihm erwartet, geht mit der Zeit, konsumiert und sagt, was man gerade eben so konsumiert und sagt, aber verliert sich dabei selbst.(wiki)

    Vorbilder und Helden für die Zuschauer sind die verschiedenen Stars der Musikindustrie, dem Filmgeschäft und der Politik. Ihre Inszenierungen sind Projektionsflächen für Wünsche und Sehnsüchte der Zuschauer. Sie sind allesamt Diener des Spektakels. Auch und gerade das Musikbusiness, das oftmals Rebellion und Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse suggeriert, ist fest in der Hand des Spektakels, da das Bekanntwerden ihrer Produkte von „einer recht begrenzten Anzahl von Leuten abhängt“.

    Die Gesellschaft und das Geheimnis

    Der Schein des Spektakels verdeckt immer den wahren Kern und somit ist für Debord klar, dass das Geheimnis die Grundlage unserer Gesellschaft ist. Das größte Geheimnis ist für ihn das Geheimnis der Herrschaft. Die Herrschenden versuchen mit allen Mitteln die Wahrheit über ihre Rolle als Herrscher zu unterdrücken. Ihre wahre Macht lässt sich aber genau daraus erschließen: Dadurch dass sie den Großteil der Gesellschaft glauben lassen, sie seien faktisch nicht existent und die Wahrheit über die Machthierachien erfolgreich unterdrücken, lässt sich das Ausmaß ihrer eigentlichen Macht erkennen.

    Debord wirft allen großen Staaten, Unternehmen und Industrien mafiöse Strukturen vor. Er stellt fest, dass die Mafia nicht wie allgemein angenommen ein abnormales, autonomes Gebilde in dieser Welt ist, sondern vielmehr eine vollintegrierte Organisation, deren Methoden sich von anderen Akteuren in der Gesellschaft des Spektakels nicht unterscheiden.

    Fazit:

    Debords Gedanken sind teilweise  schwere Kost und doch schafft er es mit seinem eigenwilligen Stil in  kurzen Absätzen Dinge und Zustände zu beschreiben, für die andere seitenlange Abhandlungen verfassen. Er war seiner Zeit voraus, denn seine Thesen bestätigten sich im Lauf der Jahrzehnte immer mehr. Es ist ein einzigartiger Mix aus philosophischen, psychologischen und soziologischen Gedanken zum modernen Menschen. Er selbst blieb sich immer treu und vermied es Zeit seines Lebens ein Teil des Spektakels zu werden. Das bedeutete, dass er sich nie öffentlich abbilden ließ und trotz großer Nachfrage keine Interviews gab. Auch Literaturpreise lehnte er kategorisch ab.

    Natürlich ist dieser Artikel keine allumfassende Interpretation, ich habe lediglich die mir selbst am wichtigsten erscheinenden Thesen aufgeführt, von denen sich die meisten in den später erschienenen Kommentaren Debords zum eigentlichem Werk befinden. Auch ist vieles was Debord schreibt unter dem Gesichtspunkt, was heute an Wissen verfügbar ist, scheinbar überholt oder zu kryptisch ausgedrückt. Ich jedenfalls finde, dass seine Thesen und seine Perspektive auch heute noch interessant sind und „bewusstseinserweiternde“ Momente beinhalten.

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    Topics: Allgemein, Bewusstsein, Bildung, Demokratie / -verlust, Enthüllungen, Gehirnforschung, Gesellschaft, Gesundheit / Krankheit, Industrie, Informationskrieg, Kontrolle / Kontrollstaat, Lobbyarbeit, Lügen, Manipulation + Propaganda, Medien / Medienmanipulation, Menschenrechte, Politik, Sklaverei, Volkstäuschung, Wohl des Volkes | 1 Kommentar »

    Ein Kommentar to “Die Gesellschaft des Spektakels: Von den Zuschauern des Lebens”

    1. AlexinaBarbin meint:
      18.August 2010 at 20:16

      Zu den Mafia-Strukturen wärmstens zu empfehlen: Roberto Saviano “Gomorrah”. Aber Vorsicht! Ist schockierend. Das heftigste Kapitel in dem Buch war für mich “Blood and Cement”…

      Gibt auch ein Lied für Roberto Saviano (”Cappotto di Legno” = Holzsarg, Begriff der Mafia), dort ist “Sangue e Cemento” der Beginn des Refrains.

    Kommentare